BÜCHERORT / MUNDO AZUL

BÜCHERORT / MUNDO AZUL

von Nele Brönner

Mundo Azul ist eine kleine, internationale Buchhandlung in der Choriner Straße im Berliner Prenzlauer Berg. Wunderbar gelegen gegenüber dem verrücktesten Spielzeugladen der Stadt. Ihren zweiten Schwerpunkt legt Mundo Azul auf Bilderbuchillustration, was mich besonders interessiert.

Die Bücher der Buchhandlung Mundo Azul

Ich treffe die Chefin Mariela Nagle an einem Dienstag Morgen in der geschlossenen Buchhandlung. Die Räume sind voller Regale, in denen Bücher mir ihre auffallend schönen Coverillustrationen zuwenden. Bücher in so ziemlich allen Sprachen der Welt.

Mariela Nagle setzt mich mit meiner azurblauen Bluse auf eine riesiges rotes Plüschsofa und erzählt, als ich mit oh-wie-schön-ist-Panama-Sofa anfange, das es aus Steglitz kommt, für Selbstabholer. Ich frage nach dem Namen – Mundo Azul, blaue Welt? In dem spanischen Kinderbuch „Azul“ malen zwei Kinder eine blaue Tür auf den Fußboden. Durch die gelangen sie in eine neue, in eine andere, in eine blaue Welt.

Ich bin erstaunt, als Mariela Nagle darüber spricht, dass die Buchhandlung mehr Fluch als Segen für sie sei. Natürlich kommen Menschen, die Bücher in anderen Sprachen suchen oder besondere Perlen der Bildbuchkunst. Aber es gibt viele Buchhandlungen im Prenzlauer Berg und bei Mundo Azul stehen keine Bestseller. „Ich habe meinen Schwerpunkt auf der Vielfalt, der tatsächlichen Vielfalt in der Gegenwartsliteratur für Kinder – unterschiedliche Buchformen, unterschiedliche Bildsprache, unterschiedliche Erzählweisen. Und ich meine das weltweit, ich komme aus Argentinien. Vielfalt bedeutet auch unterschiedliche Genres – Poesie oder Theater. Themenbücher interessieren mich gar nicht. Als ich vor 12 Jahren die Buchhandlung eröffnete, fanden viele meine Bücher zu avantgardistisch für Kinder. Aber die Positionen ändern sich. Die deutsche Kinderliteratur wird offener und vielschichtiger.“

Cuarto de Juegos / Das Spielzimmer der Mundo Azul

Aber zurück zum Geld: Die Miete ist hoch und die beiden Mitarbeiterinnen bekommen ein regelmäßiges Gehalt. Mariela Nagle zahlt oft drauf, von einem Einkommen, das sie woanders verdient. Sie hält Seminare zur Arbeit mit Büchern, zu Themen wie Migration, andere Kulturen und fremde Sprachen für LehrerInnen, ErzieherInnen und BibliothekarInnen. Zu mehrsprachigen Kinderbüchern und zu Bilderbüchern ohne Text, den Silent Books. Mundo Azul hat davon eine wirklich erlesene Sammlung, die ein eigenes Regal füllt.

Die Silent Books

Für Mariela Nagle ist die Vermittlung zwischen Buch und Pädagogen eine politische Aufgabe, um einen freieren Zugang zu Bilderbüchern anzustoßen. „Sie bilden das ästhetische Empfinden, die Kunst Bilder zu lesen, und es ist absolut sinnvoll im gesamten Grundschulalter mit Bilderbüchern zu arbeiten. Auch wenn Pädagogen das oft nicht wollen und denken, ein Bilderbuch ist für kleine Kinder. Es wird dem Geschriebenen mehr Wert zugestanden als dem Bild. Aber genau das, die Vermittlung von anderen Sehgewohnheiten, von der Kommunikation zwischen den Lesern, von guter Gegenwartsliteratur im Bilderbuch das ist meine Leidenschaft – nicht Bücher verkaufen! Aber dennoch ist die Buchhandlung mein Schatz.“

Mariela Nagle kauft keine Buchpakete bei Verlagen ein. Jedes Buch ist mit Bedacht gewählt. „Ich berate Bibliotheken, Schulen, Festivals, Universitäten, und erstelle individuelle Bücherlisten für diese Institutionen. Ich habe eine riesige Datenbank mit Publikationen aus Südamerika, Korea, Iran, China … auch wenn ich die Sprachen nicht spreche. Habe ich Glück, bestellen sie im Anschluss an die Beratung die Bücher auch bei mir.“

Eine klassische Mischkalkulation also. Mundo Azul ist auch ein Veranstaltungsort. „Aber Ich mache viel weniger als noch vor einigen Jahren. Lesungen lohnen sich finanziell leider gar nicht und sind mit viel Arbeit verbunden. Schade, wenn AutorInnen und IllustratorInnen das nicht sehen und sich ärgern, wenn ich nur den Raum anbieten kann.“
Aber es gibt sie trotzdem, die kleinen Ausstellungen, Veranstaltungen, Lesungen und Erzählnachmittage auf Spanisch und Französisch. Termine stehen auf dem Mundo Azul Blog.
Wer also den Wunsch verspürt einen hervorragend kuratierten Blick in die internationale Bilderbuchwelt zu tun, dem lege ich Mundo Azul ans Herz. Ebenso Freunden von Kinderbuchillustration und Silent Books. Und, wenn ihr sie erwischt, dann versucht, Mariela Nagle in ein Gespräch über Gegenwartsliteratur, über tatsächliche Vielfalt und Bilderbuchkunst zu verwickeln – es macht sehr viel Spaß!

Lesekompetenz und Leseförderung – gestern und heute

© privat

von Andreas Hartmann

Kann man sich das heute noch vorstellen? Zur Zeit meiner Kindheit, Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre, konnte das Bild eines lesenden Jungen die Eltern nicht selten in Sorge versetzen. „Warum geht er nicht raus und schrammt sich die Knie auf dem Bolzplatz blutig?“ Wir sollten lernen, uns mit Ellenbogen, notfalls auch mit der Faust, durchzusetzen. Das Lesen würde schon von alleine kommen, zumindest so weit, wie es für den beruflichen Alltag im späteren Erwachsenenleben als erforderlich angesehen wurde.

Diejenigen, deren Lesekompetenz als unzureichend galt (schon damals teilte ich die Klasse mit zahlreichen Kindern, die zwar in Deutschland aufgewachsen, aber in der Sprache nicht zu Hause waren), diejenigen mit mangelhafter Lese- und Sprachkompetenz also bekamen Förderunterricht. Der bestand in weiten Teilen darin, dass die Kinder Texte aus schmucklosen Lesefibeln bearbeiten sollten. Eigeninteresse, intrinsische Lust am Buch, das Vergnügen in „Lesevergnügen“ wurde so gewiss nicht geweckt.

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10 Fragen an unsere SpreeautorInnen: Britta Teckentrup


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Name: Britta Teckentrup
geboren in:  Hamburg
seit wann in Berlin: 2005
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1. Was sind die drei Lieblingsbücher deiner Kindheit?

„Kein Kuss für Mutter“ von Tomi Ungerer,  „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen und „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende.

2.  Wie kam es zu deinem Berufswunsch Illustratorin – und wie bist du es geworden?

Es war eigentlich nie ein direkter Berufswunsch Illustratorin zu werden. Nach dem Abitur bin ich nach London gezogen, um einen „Foundation Kurs“ zu machen. Dort konnte man sich für ein Jahr in allen kreativen Richtungen ausprobieren. Eigentlich wollte ich dann Freie Kunst studieren, habe mich aber irgendwie nicht getraut und mich für einen BA in Illustration beworben. (Freie Kunst habe ich danach dann doch noch studiert.) Am Ende meines Illustrationsstudiums wurde mir unerwarteterweise mein erstes Bilderbuch angeboten, und die Verlegerin hat mich direkt dazu ermuntert, meine Bücher auch selbst zu schreiben.

Lange Zeit habe ich dann als Illustratorin/Autorin und freie Künstlerin gearbeitet und über die Jahre immer mehr die Liebe zum „besonderen Bilderbuch“ entdeckt.


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