Unvergleichbar

Als ich als Kinderbuchillustrator – und ich habe immer auch Comics gezeichnet, in meinem Portfolios fand sich dieser Stil also schon immer zusätzlich – anfing, reagierten die meisten (Kinderbuch-)Verlage positiv darauf, dass ich das „auch machte“. Ob sie den Stil buchen wollten oder nicht. In der Comicszene aber schlug mir des Öfteren ein Nase-Rümpfen entgegen, wenn ich dort wiederum kein Geheimnis aus meiner zusätzlichen Tätigkeit als Kinderbuchillustrator machte. Das alles, wohlgemerkt, vor dem offen bekannten Hintergrund, dass ein Lebensunterhalt von der Tätigkeit als Comiczeichner allein in Deutschland in der Regel gar nicht möglich ist (und übrigens nicht nur hier), ja, manchmal auch noch nicht einmal als Kinderbuchillustrator oder -autor!

Von manchen Menschen hingegen aus der Kinderbuchszene (und darunter meistens die, die, was Illustration angeht, nicht vom Fach sind), kommt nach einem Blick auf mein Werk manchmal die Frage, warum das eine Buch nicht in dem Stil wie jener Comic illustriert wurde. Ich verbringe dann etwas Zeit damit, zu erklären, dass man von der zeichnerischen Herangehensweise Comic und Kinderbuch eben nicht vergleichen kann – ein Comic verlangt oft einfach andere Bilder und einen anderen Stil als ein Kinderbuch, und umgekehrt ist das genauso. So, wie übrigens nicht jedes Kinderbuch in der gleichen Art wie ein anderes illustriert werden kann oder muss. Ich versuche zu erklären, dass Comic und Kinderbuch eben sehr wohl – und auch nah – verwandt sein können, es aber wiederum auch nicht in jedem Fall sein müssen.

Ich fand die Unterscheidung „Comic – Kinderbuch“ schon immer etwas krampfhaft. Wenn man bedenkt, dass die ersten Comics ohnehin erfunden wurden, um Kinder zu beschäftigen, aber immer auch gleichzeitig Erwachsene anzusprechen (Zeitungen), und die großen Anfänge wie mit Wilhelm Busch und Rodolphe Töpffer – zugegeben schon eine Weile her – sich ebenfalls an Erwachsene UND Kinder richteten, fällt es mir schwer, daran zu glauben, überhaupt eine Unterscheidung zwischen Kinderbuch und Comic machen zu wollen – zwischen etwas also, das sich zum einen eindeutig an Kinder richtet, und etwas, das sich sowohl an Kinder als auch an Erwachsene zu richten in der Lage ist. (Übrigens lesen auch viele Erwachsene Kinderbücher, und das aus gutem Grund.)

Es ist ein Unterschied in der Herangehensweise des Erzählens, nicht nur von der Aufbereitung der Geschichte her, sondern auch von der Umsetzung in Bilder, der beide Genres unterscheidet, aber kein Qualitätsunterschied. Nur, wer will urteilen darüber, welches von beidem „besser“ ist, die Nase also entweder über die eine oder die andere Erzählweise rümpfen? Comics sind halt vor allem aufwändiger zu zeichnen, das ist klar. Trotzdem hat es mich immer gewundert, wenn Comiczeichner Kinderbücher pauschal als einfacher umzusetzen ansehen – oder Kinderbuchmenschen Comics als „minderwertige Erzählweise“. In beiden kann ein sehr langer und aufwändiger Prozess stecken, und Comics sind Kinderbüchern nicht immer per se überlegen – umgekehrt aber auch nicht.

Dass man das alles, worum es hier geht, generell manchmal noch erklären muss, zeigt, wie viel Unkenntnis über Comic auf der einen und Kinderbücher auf der anderen Seite noch herrscht, über ihre Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten.

Man sollte diese beiden Medien weder auf der Bildebene noch auf der Ebene der Story vergleichen – oder versuchen, die Verwandtschaft zu sehr zu ignorieren. Es hilft nur Beobachtung, um aus der Vergleicherei und Unkenntnis herauszukommen, und vor allem: Beides lesen! Oft genug! 🙂
Thilo Krapp
Information: Auf der Seite der IO e.V. (Illustratoren Organisation) findet sich ein Artikel von Andreas Platthaus, der die Frage stellt, ob Comiczeichner Illustratoren sind. Auch wenn sein Beitrag nicht gänzlich die Meinung des Autors dieses Artikels widerspiegelt, sei er zur weiteren Vertiefung doch verlinkt, da er lose in Verbindung mit dem hier angesprochenen Thema steht:

https://www.io-home.org/home/newsarchiv/teaser?sbid=1118&category=2&lang=1#b1118