Leere Leinwand im Kopfkino

 © Till Hülsemann

Von Salah Naoura

Kinder sind kreativ, sie stellen sich die ungewöhnlichsten Dinge vor, verknüpfen die widersprüchlichsten Ideen miteinander, bereisen per Vorstellungskraft unbekannte Orte und erschaffen neue Welten … So jedenfalls schwärmen Erwachsene seit jeher von dem Phänomen der kindlichen Fantasie, die dann mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter nicht selten leider verloren gehe: „Manche legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut“, beklagte schon Kästner. Das ist eine Weile her. Auch der Lebensabschnitt Kindheit wandelt sich im Kommunikationszeitalter, und inzwischen trifft man immer häufiger auf Kinder, die Kästners Hut als Erwachsene gar nicht erst ablegen können, weil sie nie einen hatten. Die kindliche Vorstellungskraft, die Fähigkeit, im Kopf eigene Bilder zu entwerfen, scheint zu schwächeln.

Auf meinen Lesereisen begegne ich in letzter Zeit immer häufiger Grundschulkindern, zuweilen nur einzelnen, zuweilen ganzen Klassen, die es nicht mehr schaffen, sich etwas vorzustellen. Ich mache bewusst klassische Lesungen (sehr lebhafte, mit viel Gestik, Mimik und verstellter Stimme), ohne den Einsatz visueller Mittel. Meist funktioniert es auch (noch) bestens, aber die Kinder, die damit nicht zurechtkommen, werden mehr. Sie sehen vor ihrem inneren Auge keine Bilder.

Während wir Erwachsenen noch über mangelnde Lesekompetenz diskutieren, kriselt es längst in den Köpfen von Kindern, die ihre Vorstellungskraft verloren haben. Parallel fällt auf, dass die Anprache, die Kommunikation zwischen Eltern und Nachwuchs, immer knapper ausfällt. Auf Zugfahrten (und ich bin wirklich viel mit der Bahn unterwegs) sind Eltern, die mit ihren Kindern interagieren, die absolute Ausnahme. Meist gucken die Kleinen auf dem Tablet Filme, während die Eltern ihre Mails checken oder simsen, stundenlang. Mangelnde Ansprache, so scheint es, ist längt kein Schichtenproblem mehr, sondern geht quer durch unsere Gesellschaft. Fast überall wird dem Smartphone der erste Platz eingeräumt. Vor den Kindern. Vor den Freunden. (Wie häufig sitzen kleinere Gruppen eifrig tippend in Cafés zusammen, ohne sich miteinander zu befassen.)

Psychologen, Lehrer und Wissenschaftler schlagen längst Alarm, dass die Nutzung neuer Medien Kinder wie Erwachsene süchtig machen kann. Da Kinder in noch höherem Maße gefährdet sind, wird davor gewarnt, sie zu früh mit Smartphones oder Tablets auszustatten. Noch vor wenigen Jahren bekamen Jugendliche etwa mit 14 ihr erstes Smartphone, heute besitzen schon Grundschüler eins. Visuelle Reize, vorgefertigte Bilder und ständige Ablenkung durch Dauerkommunikation in den sozialen Netzwerken bestimmen ihren Alltag. Wenn wir nicht gegensteuern, verkümmert ihre Fähigkeit, sich eigene Bilder zu erschaffen. Die Folgen wären fatal. Eine Gesellschaft ohne Vorstellungskraft würde nur noch konsumieren, hätte keinerlei Visionen oder Ideen … Der Menschheit käme ihre Kreativität abhanden.