Vom Unterschied. Schenken und schenken lassen

© Till Hülsemann

Von Salah Naoura

Derzeit prasseln mitten im Corona-Chaos auf viele unserer KollegInnen Anfragen nach unbezahlter Arbeit ein, das Prinzip ist immer dasselbe: Literatur(ver)mittler (Verlage, Veranstalter von Lesefestivals sowie Institute, Akademien oder Vereine, die sich professionell mit KJL beschäftigen) tragen kreative Ideen an uns heran, die wir dann zeitnah und unbezahlt umsetzen sollen. Lesungen sollen gestreamt, Geschichten sollen geschrieben, Kurzfilme gedreht oder Podcasts aufgenommen werden, und die Ergebnisse sollen dann auf den Websiten, Platformen oder Facebook-Profilen der jeweiligen Anfrager präsentiert werden. Viele AutorInnen, so mein Eindruck, finden das gut und machen sich sogleich ans Werk, um die Kinder, die in Corona-Zeiten nicht mehr zur Schule gehen, unentgeltlich mit literarischer Unterhaltung zu versorgen.

Solche Anfragen nach unbezahlter Arbeit in Zeiten, in denen Kreative ohnehin große existenzielle Sorgen haben, sind befremdlich – nicht zuletzt deswegen, weil sich die Anfrager auf unsere Kosten damit in der Öffentlichkeit profilieren. Wenn ein Künstler den Wunsch hat, seine Kunst selber und privat ins Netz zu stellen, also etwas ganz bewusst zu verschenken, ist das etwas vollkommen anderes, als auf Bestellung von Verlagen oder anderen Organisationen kostenlos zu arbeiten. Solchen Aufrufen zur Selbstausbeutung sollten wir nicht nachkommen. Seriös wären Anfragen, die mit einer Bezahlung einhergehen. Verlagen und Veranstaltern von Lesungen sollten wir nahelegen, lieber mittel- und langfristig an vergüteten Konzepten für Online-Lesungen zu arbeiten. Das wäre ein sinnvolles und verantwortliches Vorgehen unserer Verlage, auch in deren eigenem Interesse. Schließlich war dies bislang das gemeinsame Ziel von Verlagen und ihren AutorInnen: der Verkauf von Literatur. Wenn Verlage oder andere Literaturvermittler in diesen schwierigen Zeiten etwas spenden oder verschenken möchten, sollten sie es selber tun, anstatt schenken zu lassen.

3 Gedanken zu „Vom Unterschied. Schenken und schenken lassen

  • 25. März 2020 um 12:17
    Permalink

    Lieber Salah, Du sprichst mir aus der Seele. Mir ist durch Corona ein Großteil meines Jahreseinkommens urplötzlich weggebrochen, da ich das ganze Frühjahr über Lesungen gehabt hätte – um ab Sommer in Ruhe zu schreiben. Jetzt schreibe ich gezwungenermaßen in Quarantäne (so gut und konzentriert man eben schreiben kann in der aktuellen Krisenhysterie) – und werde parallel mit Anfragen bezüglich Live-Lesungen via Facebook, Instagram oder Liveschaltungen überschüttet. Ich bin hin- und hergerissen. Gerade jetzt scheint es mir unerlässlich, Werbung in eigener Sache zu machen. Und als solche sehe ich die nun ermöglichten Auftritte. Dann aber stellt sich mir die berechtigte Frage: werden zehn verkaufte Bücher mehr mich retten? Eher nicht. Bei meinen Lesungen sage ich zu den SchülerInnen immer: „Die meisten AutorInnen leben nicht vom Buchverkauf, sondern von den Lesungen. Das gilt auch für mich. Deshalb Danke, dass ihr mich eingeladen habt!“ Dass dem tatsächlich so ist, wird jetzt eindrücklich unter Beweis gestellt. Die Existenz zahlreicher KollegInnen ist in ernster Gefahr – nicht, weil etwa der Buchhandel zusammen gebrochen wäre, sondern weil Veranstalter Lesungen abgesagt haben. Wie wir als Berufsgruppe auf die aktuelle Situation reagieren sollen, ist mir nun auch schleierhaft. Aber es ist gut und wichtig, dass Du die Diskussion angestoßen hast, Salah. Ideal wäre es, wenn wir AutorInnen einen gemeinsamen „modus operandi“ finden könnten. Aber wie könnte der aussehen? Was können wir unentgeltlich als „solidarischen Akt“ beisteuern? Und was auf keinen Fall, weil wir uns sonst unsere eigene Existenzgrundlage zerstören? Zumindest im Moment habe ich selbst keine Antwort darauf.
    Herzliche Grüße aus meiner bayerischen Quarantäne!
    Kathrin

    Antwort
    • 25. März 2020 um 12:54
      Permalink

      Liebe Kathrin,
      ich sehe es so: Solidarische Akte kann jeder, der will, unentgeltlich beisteuern, aber eben direkt und selbst. Wenn solidarische Akte von Verwertern oder Vermittlern eingefordert werden, stimmt das Vorgehen aus meiner Sicht nicht – da fehlt dann die Solidarität mit uns, den AutorInnen. Und was wir auf diese Weise beisteuern, wird zu kostenloser Werbung und entspricht nicht der üblichen Rollenverteilung von Kreativen und Verwertern. Unsere Aufgabe ist es, Geschichten zu erfinden. Die Aufgabe der Verlage, für Werbung, Marketing und Vertrieb zu sorgen. Wir sollten uns, trotz schlechter Zeiten, davor hüten, beides leisten zu wollen: schreiben und werben. Und wer etwas schenkt, sollte das Geschenk selbst parat haben und nicht bei anderen bestellen.

      Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.