Schreiben in Zeiten von Corona

Von Ilke S. Prick

Mein Küchentisch © Dieter Grönling

„Für dich ist es ja jetzt toll“, sagt meine Freundin am Telefon. „Du brauchst nicht rauszugehen, du verpasst nichts mehr, du kannst den ganzen Tag in Ruhe schreiben. Ist doch ideal!“ Ich zucke zweifelnd mit den Schultern, was sie nicht sehen kann, und sie verabschiedet sich mit den besten Wünschen. Also setze ich mich wieder an meinen Küchentisch, den angefangenen Text vor mir. Die Kastanie gegenüber öffnet die ersten grünen Knospen. Bald wird sie blühen. Werden wir auch dann in unseren Wohnungen sitzen? Im Home Office? Nur zum Einkaufen rausgehen und für ein bisschen Spaziergang um den Block? Ich schaue auf mein Blatt. Eine provisorische Überschrift und der Versuch eines ersten Satzes:

„Wie blöd“, dachte das Kätzchen, „dass jetzt schon der vierte Advent ist.“ … Katzengeschichten für Weihnachten zu schreiben, kurz vor Ostern, ist immer etwas surreal. Jedes Jahr heb ich mir extra dafür ein paar Lebkuchen auf, um mich in die passende Stimmung zu bringen. Bislang hat es jedes Mal geklappt, und meine Lektorin hatte pünktlich zu Karfreitag die fertige Geschichte des Jahres auf dem Tisch. Was also ist diesmal anders? Wir haben doch Zeit. Mehr als sonst. Nicht nur zum Schreiben. Wir entstauben unsere Bücher. Wir sortieren unsere CD-Sammlung. Wir putzen die Fenster, wir entrümpeln den Keller. So viel Zeit haben wir. Zeit, um auch endlich mal wieder ausgiebig mit Menschen zu telefonieren, von denen wir lange nichts gehört haben. Zeit, um Mails zu schreiben. Vielleicht sogar Briefe. Und Geschichten?

… Das Kätzchen stapfte durch den Schnee und suchte einen Unterschlupf für die nächsten Tage. Wenn das weiße Fallen nicht aufhören würde, gäbe es ein Problem …
Wir haben Zeit, uns zu sorgen. Bleiben unsere Lieben gesund? Wer kauft für die alte Nachbarin im ersten Stock ein? Und wer für uns, falls wir in Quarantäne müssten? Reichen die Rücklagen? Tragen die Rettungsschirme? Was wird aus unseren Lesungen? Den gebuchten Workshops? Könnte man die auch online anbieten? Oder sollten wir nun alle unsere Lesungen streamen? Podcasts machen? Obwohl unsere Technik vielleicht so fragil ist wie unsere Stimmung? Und wenn wir es nicht täten: Würden wir dann vergessen werden? Nicht gesehen, weil wir nichts Verwertbares lieferten? Wäre es nicht gut, die Welt zu uns einzuladen, wenn wir nicht nach draußen können? Doch was ist, wenn wir die Welt gar nicht bei uns im Wohnzimmer haben wollen, weil uns die Welt, die täglich mit den Nachrichten zu uns kommt, schon genügt? Wir haben mehr als genug Zeit für Fragen. Und Zeit zum Schreiben?

… Das Kätzchen schlich sich in die warme Scheune und ein begeistertes Schnurren war hören …
Ich schreibe Schnurren und denke an Beatmungsgeräte. Ich habe eine blühende Phantasie. Darum bin ich Schriftstellerin geworden. Es ist schön, wenn Geschichten ein Eigenleben annehmen – und anstrengend in Zeiten wie diesen. Zu viele Gedanken auf einmal. Ich lege den Stift zur Seite und koche Tee. In Gesprächen mit Kolleg*innen höre ich momentan immer wieder, wie schwierig es jetzt ist, zu schreiben. Nicht nur, weil da vielleicht Kinder sind, die auch mitten in der Schreibzeit daheim bespaßt werden wollen, oder Verwandte, Freunde, Bekannte, die versorgt werden müssen. Schwierig, wenn die Nachrichten zu viel werden, und wir, die wir uns meist besser mit Buchstaben auskennen als mit Ziffern, uns nun aus all den Infos über Fallzahlen, Sterberaten und Prognosen unsere eigenen Geschichten zusammenreimen. Wir wissen um dramaturgische Steigerung und Spannungsbögen. Wie im Angesicht dessen also in aller Seelenruhe über kleine, zarte Kätzchen schreiben, über Zimtstaub und Tannenbäume mit bunten Kugeln?

… Hinter der verstaubten Kiste mit dem Weihnachtsschmuck fand das Kätzchen eine Tüte mit Leckerli, sehr harten zwar, vergessen vor langer Zeit, aber immer noch äußerst gut …
Leckerli, schreibe ich und denke dabei nicht an meine gehorteten Lebkuchen, sondern endlich auch an meine literarische Notfallapotheke. Bücher und Sätze, die mir besser helfen als Beruhigungstee. Sätze wie diese:
We write from our wounds – our strength is that we write at all. I know that writing is what I should do – the answer to the question, ‘why am I here?’ (Jeanette Winterson, 9. März 2007)

Wir haben so viele Fragen. Und wir haben so viel Zeit. Vielleicht auch Zeit, um einen Weg zu finden zwischen Verletzlichkeit und Verwertbarkeit. Das Schreiben ist unsere Stärke, unsere Kraft, unsere Antwort. Der Zopf, mit dem wir uns selbst aus dem Sumpf ziehen. Wir können Drama, wir können aber auch Happy Endings. Und weil ich viel Phantasie habe, bin ich gewiss, dass auch diese Geschichte, bei der noch so viele Fragen offen sind, gut ausgehen wird. Schließlich bin ich Schriftstellerin. Und ich schreibe weiter. Was sollte ich sonst tun?

Ein Gedanke zu „Schreiben in Zeiten von Corona

  • 8. April 2020 um 19:07
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    … und diese – Eure – wunderbare Kraft hilft auch uns, Euren Lesern, in Welten einzutauchen, die uns die Kraft geben. Nicht nur in dieser manchmal beängstigenden Situation.
    Denn endlich haben viele Zeit, wie ich immer häufiger höre, nun das Home-Office gewohnt ist. Menschen, die nie Zeit hatten freuen sich, nun ganz viel Zeit zu haben. Zeit um zu lesen!

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