Lost and Found in Tbilissi

von Rike Reiniger

©Goethe Institut Georgien

Die Anfrage des Goethe-Instituts Georgien flatterte überraschend und kurzfristig ins Postfach: Ob ich zum Tag des Buches für eine Lesung nach Tbilissi kommen könnte? Ein Blick in den Kalender und: Super! Ich komme! Dann noch ein Blick auf das Kleingedruckte der Einladung: eine Lesung für 6-12jährige Kinder mit Sprachkenntnissen auf dem Niveau von A1-A2. Oh je. Eine solche Altersspanne? Welches Buch kann das leisten? Und was ist nochmal A1-A2?

Moment … mein erstes Theaterstück! Ich hatte als Dramaturgin für den Spielplan der Landesbühnen Sachsen ein zweisprachiges Kinderstück gesucht, nicht gefunden und schließlich selbst geschrieben: „Lost and Found: Ein Herz und andere Dinge“.

August muss aufräumen. Das Chaos in seinen Einzelteilen vom Schraubenzieher bis Zahnbürste ist allerdings unmöglich zu bewältigen. Da schneit Judy herein, die nicht nur mit ihrem organisatorischen Furor nervt, sondern auch mit ihrer weitestgehend unverständlichen Sprache. Sie baut ein Fundbüro für die herumliegende Unordnung auf. Dabei kommt es zu tragischen Missverständnissen, im Verlaufe derer August sich in eine Prinzessin verwandelt und Judy ihr Herz verliert. Doch auch wenn im Fundbüro kein Herz abgegeben wurde, schafft es August die Katastrophe abzuwenden. Er legt Judy sein Herz zu Füßen! Und plötzlich spielt die fremde Sprache überhaupt keine Rolle mehr!

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Unvergleichbar

Über die Illustration von Comics und Kinderbüchern
Ein Artikel von Thilo Krapp

In einem deutschen Comicmagazin war neulich der folgende Satz über einen Kollegen zu lesen: „Außerdem merkt man XY an, dass er überwiegend Kinderbücher illustriert.“ Fatal an diesem Satz war, dass er nicht stimmte – wer Illustrator*in war, sah, dass es sich von der stilistischen „Abstammung“ her genau umgekehrt verhielt. In einem Fachmagazin für Kinderliteratur hingegen hieß es neulich, dass es Bücher für Jungs mit „ein paar Comics (…) mit wenig Text“ gebe, „damit man sie ja nicht überfordert“. Auch hier eine pauschale Abwertung der anderen, obwohl artverwandten Bild- und Erzählsprache.

Das alles lässt tief blicken: wie wichtig es in der deutschen Illustrations- und Comicszene offenbar für manche noch ist, untereinander eine deutliche Unterscheidung zu machen. Dieser Wunsch, sich zu unterscheiden, mag Gründe haben – aber es sei mal gefragt, wie groß seine Berechtigung ist?

Schomburgs Reimomat 3

© Agnieszka Kosakowska

Perfektion

Andrea Schomburg 2019

Ob Roman, ob Outfit, ob Soufflé,

ob Geschäftsbericht, ob Exposé:

Ganz egal, wie mühsam du dran feiltest 

und wie schweißdurchtränkt du dich beeiltest,

wie verbissen du dich mühtest, 

dass es unerreicht wär – 

hinterher, da muss es wirken, 

als ob’s kinderleicht wär!

Lesekompetenz und Leseförderung – gestern und heute

© privat

von Andreas Hartmann

Kann man sich das heute noch vorstellen? Zur Zeit meiner Kindheit, Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre, konnte das Bild eines lesenden Jungen die Eltern nicht selten in Sorge versetzen. „Warum geht er nicht raus und schrammt sich die Knie auf dem Bolzplatz blutig?“ Wir sollten lernen, uns mit Ellenbogen, notfalls auch mit der Faust, durchzusetzen. Das Lesen würde schon von alleine kommen, zumindest so weit, wie es für den beruflichen Alltag im späteren Erwachsenenleben als erforderlich angesehen wurde.

Diejenigen, deren Lesekompetenz als unzureichend galt (schon damals teilte ich die Klasse mit zahlreichen Kindern, die zwar in Deutschland aufgewachsen, aber in der Sprache nicht zu Hause waren), diejenigen mit mangelhafter Lese- und Sprachkompetenz also bekamen Förderunterricht. Der bestand in weiten Teilen darin, dass die Kinder Texte aus schmucklosen Lesefibeln bearbeiten sollten. Eigeninteresse, intrinsische Lust am Buch, das Vergnügen in „Lesevergnügen“ wurde so gewiss nicht geweckt.

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