Die 10 häufigsten AutorInnen-Ärgernisse

© Till Hülsemann

Von Salah Naoura

Als ich Anfang der Neunzigerjahre im Lektorat eines Kinderbuchverlages zu arbeiten begann, nahm mich dort gleich in den ersten Tagen eine sehr nette, ältere, erfahrene Chefsekretärin beiseite und sagte: „Herr Naoura, denken Sie an die Freiberufler, die Übersetzer, Illustratoren und Autoren. Die brauchen ihr Geld und ihre Verträge. Diese beiden Dinge dürfen Sie also nie auf die lange Bank schieben.“ Ein guter Tipp. Heute bin ich selber Freiberufler und fluche nicht selten darüber, dass es solche erfahrenen Chefsekretärinnen, die freundlich an uns denken, in vielen Verlagen nicht mehr zu geben scheint. Mit welchem Kollegen oder welcher Kollegin auch immer man sich austauscht, immer gleichen sich die Probleme, die wir haben. Höchste Zeit daher, die
10 häufigsten AutorInnen-Ärgernisse mal öffentlich zur Diskussion zu stellen:

1.) „Der Vertrag muss noch unterschrieben werden und kommt dann demnächst …“

Diejenigen Verlagsmitarbeiter, die einen Vertrag unterschreiben könnten, sind immer gerade im Urlaub, weshalb wir mit der Arbeit ruhig schon mal beginnen sollen. Oft tun wir es und bekommen den Vertrag dann irgendwann nach Abgabe oder Erscheinen. Und irgendwann danach auch schon den Vorschuss …

2.) „Honorare können wir leider erst nach Vertragsunterzeichnung auszahlen …“

Manche Verlagsleute glauben nicht, dass Menschen, die frei arbeiten, in dieser Zeit Geld benötigen. Eine Programmleiterin wunderte sich über einen Autor, der ohne Vertrag und Vorschuss nicht beginnen wollte. Freiberufler müssten mit zuvor verdientem Geld das gerade laufende Projekt vorfinanzieren, erklärte sie ihm. Vorkasse gäbe es in keiner anderen (ihr bekannten) Branche. Sie selber bekomme ihr Gehalt ja auch immer erst am Monatsende.

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Rassistisch? Ich? Niemals!

© Till Hülsemann

Von Salah Naoura

2011 erschien mein Erstlesebuch „Nora und die Tigerinsel“ (Duden Lesedetekive, mit Illustrationen von Susanne Wechdorn), eine Geschichte, die ich immer ganz besonders mochte. Darin fährt ein weiße Familie in den Ferien ans Meer, in ein Land, wo „die Sonne heiß vom Himmel brennt“. Allerdings haben die Eltern und ihre Tochter Nora sehr unterschiedliche Vorstellungen von einem tollen Urlaub. Nora will Schlangen, Tiger, Krokodile, Piraten … und vor allem andere Kinder. Die Eltern wollen am Strand rumliegen, und das Gefährlichste, erklären sie, was es in diesem Urlaub geben wird, sind Sandflöhe. Mannomann, findet Nora, wie langweilig!

Am Meer angekommen, sieht Nora (immer wenn die Eltern nicht dabei sind) hinten am Horizont eine Insel, und schließlich setzt sie auf dem Rücken einer Schildkröte über und stellt fest, dass man dort traumhafte Ferien verbringen kann! Im Insel-Urwald leben nicht nur Piraten, Tiger und Schlangen, sondern Nora trifft auch auf die wilde Lea, eine braunhäutige Version von Pippi Langstrumpf, die mit Piraten, Tigern und Schlangen umzugehen weiß, und wenn sie auf zwei Fingern pfeift, legen sich die Krokodile brav der Reihe nach in den Fluss und bilden eine Brücke.

Neulich bekam ich nun Post von einer Frau, die mir Rassismus vorwarf. Ihre Nichten und Neffen sähen nämlich eher so aus wie die wilde Lea, nicht wie Nora – denen könne man dieses Buch unmöglich vorlesen. Rassistisch? Ich? Niemals!, dachte ich und holte das längst vergriffene Buch aus dem Schrank. Auftritt wilde Lea:

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Vom Unterschied. Schenken und schenken lassen

© Till Hülsemann

Von Salah Naoura

Derzeit prasseln mitten im Corona-Chaos auf viele unserer KollegInnen Anfragen nach unbezahlter Arbeit ein, das Prinzip ist immer dasselbe: Literatur(ver)mittler (Verlage, Veranstalter von Lesefestivals sowie Institute, Akademien oder Vereine, die sich professionell mit KJL beschäftigen) tragen kreative Ideen an uns heran, die wir dann zeitnah und unbezahlt umsetzen sollen. Lesungen sollen gestreamt, Geschichten sollen geschrieben, Kurzfilme gedreht oder Podcasts aufgenommen werden, und die Ergebnisse sollen dann auf den Websiten, Platformen oder Facebook-Profilen der jeweiligen Anfrager präsentiert werden. Viele AutorInnen, so mein Eindruck, finden das gut und machen sich sogleich ans Werk, um die Kinder, die in Corona-Zeiten nicht mehr zur Schule gehen, unentgeltlich mit literarischer Unterhaltung zu versorgen.

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Null Sterne für die Sternchen

© Till Hülsemann

Von Salah Naoura

Zugegeben, mir läuft jedes Mal ein schadenfroher Schauer über den Rücken, wenn in der Sendung „Druckfrisch“ Literaturkritiker Denis Scheck ein von ihm verrissenes Buch die berüchtigte Rollrampe hinunterschickt und es schließlich in Großaufnahme im Papierkorb landet. Genial, denke ich, wenn ich seine Kritik nachvollziehen kann. Na ja, denke ich, wenn ich sie nicht nachvollziehen kann. Und als Letztes stelle ich mir immer vor, wie grauenvoll es wäre, wenn eins meiner Bücher über diese kalten, unbarmherzigen Stahlrollen rappeln und in die Tiefe stürzen müsste.

Verständlicher Gedanke, aber völlig falsch. Dankbar müssten wir KinderbuchautorInnen sein, wenn wir bei Herrn Scheck, dem Literarischen Quartett oder ähnlichen Sendungen überhaupt vorkämen – welch ein Ritterschlag wäre es und zugleich die öffentliche Bekanntmachung der wenig bekannten Tatsache, dass es sich bei Kinderliteratur um Literatur handelt, die als ebensolche erwähnens- und sogar besprechenswert ist. Aktuelle Kinderliteraturkritik, die sich auch an Erwachsene richtet, kommt in TV-Formaten schlicht nicht vor. Und aus den Feuilletons der Zeitungen wurden die Rezensionen neuer Kinderbuchtitel auf die Kinderseiten verbannt, als sei die Frage, was zeitgenösssische gute KJL ist, unter Erwachsenen kein Thema.

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Leere Leinwand im Kopfkino

 © Till Hülsemann

Von Salah Naoura

Kinder sind kreativ, sie stellen sich die ungewöhnlichsten Dinge vor, verknüpfen die widersprüchlichsten Ideen miteinander, bereisen per Vorstellungskraft unbekannte Orte und erschaffen neue Welten … So jedenfalls schwärmen Erwachsene seit jeher von dem Phänomen der kindlichen Fantasie, die dann mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter nicht selten leider verloren gehe: „Manche legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut“, beklagte schon Kästner. Das ist eine Weile her. Auch der Lebensabschnitt Kindheit wandelt sich im Kommunikationszeitalter, und inzwischen trifft man immer häufiger auf Kinder, die Kästners Hut als Erwachsene gar nicht erst ablegen können, weil sie nie einen hatten. Die kindliche Vorstellungskraft, die Fähigkeit, im Kopf eigene Bilder zu entwerfen, scheint zu schwächeln.

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