Vom Unterschied. Schenken und schenken lassen

© Till Hülsemann

Von Salah Naoura

Derzeit prasseln mitten im Corona-Chaos auf viele unserer KollegInnen Anfragen nach unbezahlter Arbeit ein, das Prinzip ist immer dasselbe: Literatur(ver)mittler (Verlage, Veranstalter von Lesefestivals sowie Institute, Akademien oder Vereine, die sich professionell mit KJL beschäftigen) tragen kreative Ideen an uns heran, die wir dann zeitnah und unbezahlt umsetzen sollen. Lesungen sollen gestreamt, Geschichten sollen geschrieben, Kurzfilme gedreht oder Podcasts aufgenommen werden, und die Ergebnisse sollen dann auf den Websiten, Platformen oder Facebook-Profilen der jeweiligen Anfrager präsentiert werden. Viele AutorInnen, so mein Eindruck, finden das gut und machen sich sogleich ans Werk, um die Kinder, die in Corona-Zeiten nicht mehr zur Schule gehen, unentgeltlich mit literarischer Unterhaltung zu versorgen.

Mehr lesen

Null Sterne für die Sternchen

© Till Hülsemann

Von Salah Naoura

Zugegeben, mir läuft jedes Mal ein schadenfroher Schauer über den Rücken, wenn in der Sendung „Druckfrisch“ Literaturkritiker Denis Scheck ein von ihm verrissenes Buch die berüchtigte Rollrampe hinunterschickt und es schließlich in Großaufnahme im Papierkorb landet. Genial, denke ich, wenn ich seine Kritik nachvollziehen kann. Na ja, denke ich, wenn ich sie nicht nachvollziehen kann. Und als Letztes stelle ich mir immer vor, wie grauenvoll es wäre, wenn eins meiner Bücher über diese kalten, unbarmherzigen Stahlrollen rappeln und in die Tiefe stürzen müsste.

Verständlicher Gedanke, aber völlig falsch. Dankbar müssten wir KinderbuchautorInnen sein, wenn wir bei Herrn Scheck, dem Literarischen Quartett oder ähnlichen Sendungen überhaupt vorkämen – welch ein Ritterschlag wäre es und zugleich die öffentliche Bekanntmachung der wenig bekannten Tatsache, dass es sich bei Kinderliteratur um Literatur handelt, die als ebensolche erwähnens- und sogar besprechenswert ist. Aktuelle Kinderliteraturkritik, die sich auch an Erwachsene richtet, kommt in TV-Formaten schlicht nicht vor. Und aus den Feuilletons der Zeitungen wurden die Rezensionen neuer Kinderbuchtitel auf die Kinderseiten verbannt, als sei die Frage, was zeitgenösssische gute KJL ist, unter Erwachsenen kein Thema.

Mehr lesen

Leere Leinwand im Kopfkino

 © Till Hülsemann

Von Salah Naoura

Kinder sind kreativ, sie stellen sich die ungewöhnlichsten Dinge vor, verknüpfen die widersprüchlichsten Ideen miteinander, bereisen per Vorstellungskraft unbekannte Orte und erschaffen neue Welten … So jedenfalls schwärmen Erwachsene seit jeher von dem Phänomen der kindlichen Fantasie, die dann mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter nicht selten leider verloren gehe: „Manche legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut“, beklagte schon Kästner. Das ist eine Weile her. Auch der Lebensabschnitt Kindheit wandelt sich im Kommunikationszeitalter, und inzwischen trifft man immer häufiger auf Kinder, die Kästners Hut als Erwachsene gar nicht erst ablegen können, weil sie nie einen hatten. Die kindliche Vorstellungskraft, die Fähigkeit, im Kopf eigene Bilder zu entwerfen, scheint zu schwächeln.

Mehr lesen

Von Feelein und Rehlein, Hauptsache lieb

 © Till Hülsemann

Von Salah Naoura

„Mein Vater ist sauer. Deshalb schreit er mich an, deshalb haut er mir eine runter, deshalb kann er mich heute nicht riechen“, schrieb Susanne Kilian 1972 im NEIN-Buch für Kinder (Beltz & Gelberg). Solche Sätze sind im heutigen deutschsprachigen Kinderbuch kaum noch anzutreffen. Bloß nicht anecken, bloß keine Erwachsenen (denn vornehmlich die kaufen ja die Bücher für den Nachwuchs) zu unsympathisch und Kinder zu unerzogen wirken lassen – dies scheint, so jedenfalls bestätigen es viele meiner KollegInnen, das derzeitige Credo vieler Kinderbuchverlage zu sein. Dort werden Figuren bei der Prüfung von Manuskripten einer strengen Verhaltenskontrolle unterzogen. Omas müssen lieb sein, Eltern stets ihr Bestes geben und nicht krank werden, Kinder sollten weder schimpfen (keine Kraftausdrücke bitte!) noch kotzen – Geschichten mit Figuren, die zu unfreundlich, kritisch oder gar traurig wirken, werden entsprechend geglättet oder abgelehnt. Einzig das Klischee der trutschigen Lehrerin mit Halbmondbrille und Angst vor Mäusen, ein Überbleibsel aus den Fünzigern, wird auch heute noch gern (besonders auch im Kinderfilm) bemüht. Lehrerfiguren sind eine Ausnahme und dürfen gerne weiterhin nervig sein, das stört vorlesende Eltern nicht.

Mehr lesen

Der Unsinn mit dem „Tellerrand“

© Till Hülsemann

Von Salah Naoura

Jüngst führte mich eine Lesereise zum ersten Mal nach Luxemburg, nach Düdelingen, wohin mich eine kinderliteratur-engagierte Lehrerin eingeladen hatte. Wir sprachen viel über die Kinderbuchbranche und wie man heutige Kinder für Geschichten begeistert. Zu meiner Überraschung (und großen Freude) hob sie die Bedeutung der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur besonders hervor. Deutschsprachige Bücher stellten, sagte sie, ein ganz eigenes Genre dar – eine oft wunderbare Mischung aus realen und fantastischen Elementen, wodurch Kinder zum einen vor der Haustür abgeholt, zum anderen in neue Welten entführt würden, in denen sich Althergebrachtes spiegeln, neu deuten und bewerten lasse.

Mehr lesen