Bücherort Reykjavík

Von Nele Brönner

Das Gröndalshús in Reykjavík

Als im September 2020 die Coronapandemie in Europa abflaute und Island tatsächlich für einen Moment covidfrei war, habe ich mich aufgemacht, meinen im Mai verschobenen Aufenthalt als Writer in Residence in Reykjavík anzutreten.
Das Goethe-Institut Kopenhagen und Reykjavík UNESCO City of Literature hatten mich eingeladen, einen Monat lang in Gröndals schönem Hús in Vesturbær nah am alten Hafen zu wohnen und zu arbeiten. Benedikt Gröndal (1826 – 1907) war Lyriker, Prosaautor und Übersetzer. Er sammelte und zeichnete unzählige isländische Vögel, Meerestiere und Pflanzen und katalogisierte sie. Sein kreativer Geist erfüllt das Haus und ist über der Gästewohnung in Gröndals Museum anhand vieler Zeichnungen, Bücher, Fotos und ausgestopfter Vögel zu bestaunen.

Gröndal Museum in Reykjavík

Meine Zeit in Reykjavík begann mit einer Quarantäne von sechs Tagen. Der Taxifahrer, der mich mit Maske und Plexiglas-Trennwand vom Flughafen zum Gröndahlhús fuhr, ist der einzige Mensch, mit dem ich in dieser Zeit gesprochen habe. Kristín Viðarsdóttir, die für Reykjavík UNESCO City of Literature arbeitet, stellte mir Tüten mit Essen vor die Tür und schrieb eine Nachricht, wenn sie wieder weit genug weg war.

In der ersten Woche war ich mindestens 20 Stunden am Tag in der Wohnung, habe isländische Kurzgeschichten gelesen und war am windigen Meer spazieren. Die Insel schützt sich mit einem Wall aus schwarzen Steinen gegen den wilden Atlantik. Um an den Strand zu kommen, musste ich etwas klettern.

My dear lichen

An den dunklen Steinen haften so unfassbar gelbe Flechten. Ich konnte es Tag für Tag kaum glauben: Was für eine Farbpalette! Graues Meer, dunkelgraue Wolken, schwarzer Sand, anthrazitfarbener Basalt, brauner Seetang, olivgrüner Seetang und dann diese Flechten. Immer wieder diese wenigen Töne in tausend Abstufungen und Varianten. Während ich nach Hause zurücklief, um zu tun, wozu ich dort war, nämlich um ein Kinderbuch zu schreiben und mich künstlerisch weiterzuentwickeln, überlegte ich, in welchem Haus ich wohnen könnte, wenn ich nach Reykjavík ziehen würde.
Es gab fast kein Covid-19 mehr auf Island. Zur Motivation schickte mir das Gesundheitsministerium täglich die neuen Fallzahlen – immer was zwischen eins und vier. Aber die Stadt war leer. Whale tours, Fish & Chips, Puffin Express: alles geschlossen und vernagelt. Keine Touristen hier außer mir, und ich kaufte nichts und ging nirgends rein. Ich blickte über die Faxaflói-Bucht zum Esja-Gebirge hinüber. Schön, karg und das berühmte nordische Licht hinter den Wolken.

Der alte Hafen

Gleich nach dem Ende meiner Quarantäne haben Kristín Viðarsdóttir und ich eine Ausstellung mit dem schönen Titel SÖGUR TIL AÐ SYNA / Geschichten zeigen in der Reykjavík City Library (Tryggvagata Nummer 15) aufgebaut. Vom 24. September bis zum 6. November wurden in der Kinderbuchabteilung Drucke und Zeichnungen aus meinen Büchern „Begel, der Egel“, „Zitronenkind“ und „Das Tigerei“ gezeigt. Die Bibliotheken in Reykjavík und Hafnarfjörður sind großartig. Sie werden als unverzichtbarer Teil der Kultur und Bildung verstanden und bieten neben vielen Büchern und hellen Räumen, Werkstätten für Kinder und Jugendliche auch ausreichend Platz für Ausstellungen und Kulturveranstaltungen. Jede Art von Literatur wird geschätzt. Gefühlt lesen alle Menschen auf Island und reden gerne über Bücher. Vor allem Kinder sollen lesen, Gedichte und Erzählungen schreiben und zeichnen. Was auch immer sie für Ideen haben oder produzieren, wird mit großem Interesse und viel Begeisterung honoriert.

Die Ausstellung SÖGUR TIL AÐ SYNA in der Reykjavík City Library

Zum Auftakt meiner Ausstellung organisierte Kristín von UNESCO City of Literature ein Mittagessen mit isländischen VerlegerInnen, IllustratorInnen und KinderbuchautorInnen. Es gab fangfrische Meeresfrüchte und dazu meine Frage: Wovon leben isländische Kinderbuchmacher? Als ich den deutschen Sprachraum als „kleinen Markt“ bezeichne, müssen unsere isländischen KollegInnen lachen. In Island leben 357 000 Menschen. Wie viele davon lesen Kinder- oder Jugendbücher? Auch wenn die IsländerInnen als VielleserInnen und LiteraturliebhaberInnen bekannt sind, viel lässt sich dort nicht absetzen.
Zwar geben die Verlage 25% des Ladenverkaufspreises an die Urheber weiter, aber um von der Arbeit zu leben – Island ist richtig teuer, ganz besonders Miete und Gemüse – müssen die Arbeiten exportiert werden. Viele Bücher werden direkt für Touristen produziert und erzählen von typischen Islandthemen, von Papageientauchern, vom Wetter, von Vulkanen, Trollen und aus der Welt der nordischen Sagen. Bei Jugendbüchern ist es notwendig, Lizenzen an ausländische Verlage zu verkaufen. Vor allem nach Schweden, Dänemark und Norwegen gehen sie. Die IllustratorInnen arbeiten oft direkt für den US-amerikanischen oder europäischen Markt.

Studiobesuch bei Linda Ólafsdóttir.
Sie arbeitet an einem Bilderbuch über das historische Reykjavík.

Meine Zeit in Reykjavík war eindrucksvoll, ideenreich und fordernd – ein produktiver Freiraum und eine Pause von der Welt.
Das Writer-in-Residence Programme in Reykjavík wird jährlich zu Ende August ausgeschrieben. Kollegen, bewerbt euch! Für mich war es in vielerlei Hinsicht großartig.
https://www.goethe.de/en/kul/ser/rep/rey.html

10 Fragen an unsere SpreeautorInnen: Nele Brönner

© Foto: Herwig Bitsche

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Name: Nele Brönner
geboren in: Marburg an der Lahn
seit wann in Berlin: 2000
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1. Was sind die drei Lieblingsbücher deiner Kindheit?

Ich beschränke mich mal auf die Bilderbücher. Eines war „Lupinchen“ von Binette Schroeder, erschienen bei NordSüd – allerdings dachte ich, bis ich eben auf der Verlagsseite nachgeschaut habe, dass Lupinchen ein Mädchen ist und keine Puppe!

Außerdem: „Ein Tiger kommt zum Tee“ von Judith Kerr und „Zottel, Zick und Zwerg“ von Alois Carigiet.

2.  Wie kam es zu deinem Berufswunsch Illustratorin – und wie bist du es geworden?

Erst an der Uni wurde mir klar, dass es diesen Beruf überhaupt gibt und dass es dabei um Bilder geht, die erzählen. Ich habe Visuelle Kommunikation an der UdK studiert, bin in die Klasse Illustration von Henning Wagenbreth gegangen und habe dort meinen Abschluss gemacht.

Dann hat es einfach noch lange gedauert, und irgendwann war ich Illustratorin.

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