Lesekompetenz und Leseförderung – gestern und heute

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Von Andreas Hartmann

Kann man sich das heute noch vorstellen? Zur Zeit meiner Kindheit, Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre, konnte das Bild eines lesenden Jungen die Eltern nicht selten in Sorge versetzen. „Warum geht er nicht raus und schrammt sich die Knie auf dem Bolzplatz blutig?“ Wir sollten lernen, uns mit Ellenbogen, notfalls auch mit der Faust, durchzusetzen. Das Lesen würde schon von alleine kommen, zumindest so weit, wie es für den beruflichen Alltag im späteren Erwachsenenleben als erforderlich angesehen wurde.

Diejenigen, deren Lesekompetenz als unzureichend galt (schon damals teilte ich die Klasse mit zahlreichen Kindern, die zwar in Deutschland aufgewachsen, aber in der Sprache nicht zu Hause waren), diejenigen mit mangelhafter Lese- und Sprachkompetenz also bekamen Förderunterricht. Der bestand in weiten Teilen darin, dass die Kinder Texte aus schmucklosen Lesefibeln bearbeiten sollten. Eigeninteresse, intrinsische Lust am Buch, das Vergnügen in „Lesevergnügen“ wurde so gewiss nicht geweckt.

Sprung in unser Jahrtausend. Der Pisa-Schock: Das ehemalige Land der Dichter und Denker weit abgehängt in der Lesekompetenz. Das ehemalige Schreckensbild des lesenden Jungen scheint fast ein Wunschtraumbild geworden zu sein.

„Die Kinder, allen voran Jungen, lesen nicht mehr. Sie haben kein Interesse am Buch.“ Ich bin vorsichtig genug, meine persönlichen Erfahrungen nicht als Schlüssel zu den Geheimnissen unserer Zeit anzusehen. Dennoch kann ich mir manchmal den Gedanken nicht verkneifen: „Kein Wunder …“

Lesen galt während meiner bürgerlichen Kindheit als etwas Selbstverständliches. Und wer nicht las, gehörte zu „den Anderen“. Bildungsferne Menschen sollten ohnehin in die Fabriken, da störte es wenig, dass sie keine Bücher kauften. Nun sind viele Fabriken längst geschlossen worden. Das Informationszeitalter ist seit Langem angebrochen, und spätestens jetzt ist mangelnde Lesekompetenz ein großes Problem. Und diese mangelnde Lesekompetenz hat längst weite Teile des ehemaligen Bildungsbürgertums erfasst.

„Die Kinder lesen nicht!“ Nebenbei bemerkt: Derzeit scheinen es vor allem die Erwachsenen zu sein, die nicht lesen. Der Buchhandel verzeichnete 2017 die dramatischen Rückgänge an Buchkäufern – zwischen 24 und 30% – in der Altersgruppe zwischen 20 und 49 Jahren. Im Alterssegment bis 19 gab es hingegen sogar ein Plus von 5%!

Grund zur Entwarnung ist diese Erkenntnis sicher nicht, denn es ist erstens davon auszugehen, dass die Gewohnheiten der heutigen Erwachsenen auf die zukünftigen Erwachsenen abfärben. Platt gesagt: Kinder lesen, wenn sie erleben, dass ihre Eltern mit Genuss lesen, das heißt, nicht nur Börsennachrichten oder Social-Media-Postings. Zweitens lassen die relativ stabilen Umsätze des Buchhandels bei sinkenden Käuferzahlen vermuten, dass weniger Menschen mehr Bücher kaufen. Eine Schere öffnet sich zwischen Menschen, denen Bücher wichtig sind, und Menschen, die sich für dieses Medium nicht interessieren.

Also Bücher auf Rezept für Kinder? Kraft erwachsener Autorität verordnetes Lesen? Lieber nicht! Kinder haben, damals wie heute, feine Antennen für die Ansprüche und Forderungen der Erwachsenen, die dann umso vehementer ignoriert werden. Lesevergnügen lässt sich nicht verordnen, sondern nur vorleben.

Und spätestens hier müssen sich alle an der Leseförderung Beteiligten ganz ehrlich fragen: Was ist eigentlich unser Ziel? Anders gefragt: Warum erachten wir das Lesen von Büchern in unserer Gesellschaft für wichtig?

Weil wir über die Lesekompetenz den Pool an Arbeitsuchenden optimieren können? Literatur als Schmierstoff für den Arbeitsmarkt? Hoffentlich nicht! Ich plädiere dafür, dem Lesen einen Wert an sich einzuräumen. Die Fähigkeit zu wertschätzen, mithilfe eines Buches Charaktere und Welten in unserem Kopf entstehen zu lassen. Uns in andere Denk- und Erlebniswelten hineinzuversetzen. Ich plädiere für einen Wert von Fantasie und Empathie jenseits des Bruttosozialprodukts.

„Über Bücher wird nicht mehr gesprochen.“ So fasste der Buchhandel eine Ursache der stark rückläufigen Käuferzahlen einmal zusammen. Ich möchte daraus die Frage ableiten: „Wie sprechen wir denn über Kinderbücher?“ Auf einer meiner ersten Lesungen fragte mich ein Junge: „Warum schreiben Sie für Kinder?“ Um sich gleich darauf selbst eine Antwort zu geben: „Ist einfacher, wa?“ Dass Kinderliteratur in Deutschland häufig belächelt wird, erahnen leider sogar die Wenigleser. Kinder möchten sich aber nicht mit Kinderkram beschäftigen. Sie möchten in ihrer bunten, lauten, für uns Erwachsene manchmal verqueren Lebensphase ernst genommen werden.

Nehmen wir Literatur für Kinder als vollwertige Literatur wahr! Begegnen wir Kindern und ihrer Literatur auf Augenhöhe. Bieten wir ihnen aus echtem Interesse – nicht von oben herab – Gespräche über ihre Literatur an. Dazu braucht es Möglichkeiten und Räume, in denen lesende Kinder sich als Teil einer lebendigen Gemeinschaft erfahren und ihre Freude am Lesen teilen können.

Während meiner Lesungen an Schulen erfahre ich nämlich immer wieder, dass lebendig präsentierte Literatur sehr wohl Interesse wecken kann. Auch an sogenannten Problemschulen.

„Bücher“, so fasste es Cornelia Funke einmal zusammen, „sollten Kindern nicht wie Medizin, sondern wie Schokolade angeboten werden.“ Und wenn es Räume und Möglichkeiten gibt, in denen vorgelebt wird, dass Bücher auch Gemeinschaft und Miteinander bedeuten können, muss niemand Angst vor lesenden Stubenhockern haben.

„Auf die harte Tour“, Obelisk Verlag 2015, Coverillustration von Ulla Mersmeyer